
Die Klassische Moderne ist eine dieser bauhistorischen Schubladen, in die alles hineingestopft wird, bis sie klemmt. Selbst die weißen Bauträgerwürfel unserer Zeit, die sich in ihren Exposés mit dem Label Bauhaus schmücken, landen regelmäßig darin. Oft sind die Schuhe allerdings ein paar Nummern zu groß. Denn in Proportion, Raum und Materialklarheit unerreicht, ist die Klassische Moderne nicht verantwortlich für jede missglückte Kopie der Nachkriegszeit. Auch wenn dies eine derzeit sehr populäre politische Partei in ihrer architektonischen Unwissenheit behauptet.
Die gebaute architektonische Weltanschauung des frühen 20. Jahrhunderts. Irgendetwas zieht uns an. Vielleicht ist es das schwer greifbare Bauchgefühl, das nur die Originale schaffen. Wie innovativ die Architekten aus der Zeit sprangen, zeigen die altertümlichen Automobile, die auf den historischen Fotos merkwürdig anachronistisch vor den Gebäuden parken. Ihr Design konnte mit der rasanten Architekturentwicklung nicht Schritt halten. Fast so, als hätte die Architektur die technische Entwicklung überholt.
Um Schuhe ging es auch an diesem Tag.
Kurz vor zehn bricht die Sonne durch die Wolken und der warmgelbe Gropius Klinker der Welterbestätte Schuhleistenfabrik Fagus beginnt zu leuchten. Auf Einladung des Baukulturdienstes Weser-Leine-Harz sind wir nach Alfeld gekommen. Entlang einer langen Mauerscheibe, fast wie auf einer antiken Prozessionsstraße, nähern wir uns dem Gebäude. Ähnlich wie Hans Scharoun in Löbau, Hannes Meyer in Bernau und Otto Haesler in Celle landete Walter Gropius mit dem Gebäude wie ein Ufo in der tiefsten niedersächsischen Provinz. Am Rande einer alten Fachwerkstatt. Besser geht es kaum. Die Kleinstadt wusste nicht, wie ihr geschah und profitiert noch heute vom Unesco Welterbe und einem Architekturtourismus mit 20.000 Besuchern im Jahr.
Die warmgelben Ziegel erinnern an die im Werk über ein Jahrhundert produzierten Schuhleisten aus Buchenholz. Heute bestehen sie aus Polyethylen, doch die Assoziation bleibt. Zusammen mit den filigran profilierten großen Glasflächen machen sie einfach gute Laune. Auch den Nichtarchitekten.
Gropius kam erst sehr spät in die Verantwortung und Planung. Fast wäre es anders gekommen und hier ein rotes, historistisches Klinkergebäude mit Rundbogenfenstern entstanden. Die bereits fertiggestellten, sichtbaren Kellersockel erinnern noch heute daran. Gropius übernahm als Entwurfsarchitekt, sein Vorgänger wurde Bauleiter. Man fand eine pragmatische Lösung.
Carl Benscheid, ein sozial engagierter Bauherr, beauftragt einen jungen Berufsanfänger und Studienabbrecher der TU Berlin und es entsteht eine wegweisende Reformarchitektur mit spektakulärer Konstruktion, klarer Form und hellen Arbeitsräumen. Selbst die Form des Wassertanks am Schornstein mit dem plakativem Firmenschriftzug folgt dieser Klarheit. Er leitet das Brauchwasser für die Produktion hydrostatisch ohne Pumpe nach unten. Die Abwärme der Rauchgase verhindert gleichzeitig das Einfrieren im Winter. Technik, Konstruktion und Gestaltung greifen wie selbstverständlich ineinander. Für Gropius ein beindruckender Karrierestart.
Eine Klarstellung zum Bauwerk mit der überall so gefeierten ersten Curtain Wall Fassade gehört allerdings dazu. Die reine Vorhangfassade frei aufgehängt vor der Tragkonstruktion war ursprünglich zwar geplant, ausgeführt wurden aber große Glasflächen, die zwischen die Mauerpfeilern eingehängt sind. Ich habe unseren Werksführer darauf angesprochen und er erzählte uns dann, dass es tatsächlich eine Dissertation der Bauhistorikerin und Professorin Karin Wilhelm gibt, die sich kritisch zur Curtain Wall Eigenschaft des Gebäudes äußert (Walter Gropius – Industriearchitekt – Universität Marburg 1981). Weil ich natürlich wieder meinen Mund nicht halten konnte, habe ich ihn gefragt, ob er die Fassade der Fabrikhalle Steiff GmbH in Giengen kenne, die tatsächlich schon 1903 als wirklich durchgehender Glasvorhang vor die Konstruktion gehängt wurde. Der Unterschied war einfach, dass der unbekannte Ingenieur in Giengen für diese Innovation keine Marketingstrategie hatte. Er wusste nicht, was er da spektakulär berechnet und gebaute hatte. Gropius erkannte schon sehr früh, wie sich Architektur in Szene setzen lässt. Beauftragt wurde dazu der bekannteste Fotograf der Neuen Sachlichkeit Albert Renger-Patzsch. Besonders diese Fotos schufen die Architekturikone und trugen zum Marketing und zur Legendenbildung bei. In einem Interview 1965 (kurze Sequenz im Video unten) hat Gropius die Aussage zur ersten Curtain Wall nochmal selbstbewusst bekräftig.
Den nordwestlichen Hintergrund bilden die neue Hallen der späteren Werkserweiterung. Ein leichtes Zucken in den Mundwinkeln der Zuhörer verriet das unterdrückte Grinsen, als der ehrenamtliche Führer uns erklärte, dass diese in Proportion, Farbigkeit und Material auf die Gropius Bauten Bezug nähmen. Ein Glück, dass sich die lichtgrauen Metallkisten entmaterialisieren und sich so unsichtbar machen für die wachsamen Augen der Welterbekommission. Es sei dem Bauherrn verziehen, der für die Instandhaltung des Denkmals jährlich etwa 500.000 Euro an Eigenmitteln aufbringt.
Für die Fachtagung zu den Aufgaben und der weiteren Entwicklung des Baukulturdienstes trafen wir uns im Seminarbereich der Nebengebäude. Selbst diese Satteldachhäuser, die von Gropius aufgrund des vorgegeben Baubudgets in einer konservativen, traditionellen Bauweise errichtet werden mussten, haben durch die grafisch plastische Mauerung des Klinkers, die Proportionen der Öffnungen und die bündigen Dachkanten eine sehr moderne Wirkung.
Die sehenswerte Museumsausstellung zur Werksgeschichte habe ich mir aufgrund des Tagungsprogramms nur ganz kurz in der Mittagspause angeschaut. Sie ist auch allen nicht an Architektur Interessierten und (Fußball) Kindern zu empfehlen. Vielen Dank an unseren Gastgeber, den Baukulturdienst Weser-Leine-Harz.
UNESCO-Welterbe Fagus-Werk | Fagus-GreCon Werk
Das Fagus-Werk in Alfeld – ARD Mediathek
Glasbau des Margarete-Steiff-Museums
Baukulturdienst Weser-Leine-Harz – Erhalt und Weiterentwicklung Ländlicher Baukultur
























