Landgang zur Windfege

34 Grad – Hitze im Osten. Quedlinburg ankert wie ein gut gefüllter Tourismusdampfer im flachen Harzvorland. Wir verlassen die Stadt und fahren mit dem Anhänger aufs Land um Steine und Balken an Bord zu nehmen. Unser Haus hat ein Loch. Nach dem Schuppenabriss fehlt die Außenwand zum Bad. Maurer und Zimmermann sind schon bereit. Dazu gibt es in Hausarbeit den aktuellen Stand.

Der Baustofftransfer ist eine gute Gelegenheit, in die stillen Winkel der Umgebung zu schauen. Es geht ins No Man’s Land zwischen Quedlinburg und Aschersleben. Kaum ein Wanderer oder Tourist lässt sich hier blicken. Sie alle sind wenige Kilometer südwestlich von Quedlinburg im landschaftlich spektakulären Bodetal unterwegs oder etwas weiter südlich im Naturschutzgebiet Selketal. Es wird einsam. Wir fahren durch menschenleere Dörfer. Die Hitze und gespannte Ruhe wirken etwas unheimlich wie in einem guten Italo Western. Leere und Einöde haben aber auch Vorteile. Begegnungen sind selten und persönlich. Meistens auch nicht so tödlich wie im Western. Unsere Materialexpedition ist eine Spurensuche. Nach einem Rest von DDR Nostalgie im Windschatten des Tourismus von Werningerode und Quedlinburg.

In den Dörfern treffen wir Störche auf eingefallenen Scheunen und an der alten Bahnstrecke in Ballenstedt einen Radfahrer auf seiner Tour von Weißenfels nach Pellworm. Ich frage, ob ihm die Hitze nichts ausmacht. Seine Antwort: Ich fahre doch nach Norden gegen den Wind. Die spontane und unerwartete Unterhaltung macht ihn offenbar etwas unruhig. Vielleicht ist er seit Tagen keinem Menschen mehr begegnet. Er sieht in seinem Sportdress aus wie ein gestresster Manager auf dem Weg zu sich selbst. Wahrscheinlich habe ich diesen Prozess unterbrochen. Sein kleiner linker Fingernagel ist pink. Das Bild bleibt noch länger bei mir.

Wir frühstücken spät im stillgelegten, historischen Bahnhofsgebäude von 1886 und lassen uns dort vom niederländischen IT Experten Edward die exklusive Wartehalle des Fürsten zeigen. In der Abgeschiedenheit fern vom lauten Tourismus bleibt Zeit für Gespräche. Edward ist hier gelandet, weil seine Frau Ingrid sich in den Bahnhof verliebt hat. Sie suchte ursprünglich nach einem Projekt in Italien und fand das schon lange leerstehende Gebäude auf einer niederländischen Immobilienseite. Nach aufwendiger Sanierung und leergeräumtem Bankkonto betreiben sie in der alten Bahnhofshalle das Café und im Obergeschoss Ferienwohnungen.

Das private Projekt kam 2025 ins Finale des Stadtumbau Award Sachsen Anhalt. 1868 wurde die Bahnstrecke nach Ballenstedt exklusiv für den Fürsten von Anhalt eröffnet, um seine Sommerresidenz an die Hauptverbindung von Halle nach Halberstadt anzuschließen. Ein Bahn Premium Kunde. Heute ist das alte Gleisbett als Radweg in Beton eingedeckt und auch mit dem Rennrad gut befahrbar.

Später schauen wir uns auf Einladung eines etwas einsamen Museumsführers den DDR Trickfilm Alarm im Kasperle Theater an. Wir verraten uns als Westler, denn DDR Bürger wählen immer den alternativen Film. Selbst hier im Schloss Ballenstedt, in einem Flügel sind Film- und Jagdmuseum eingerichtet, fehlen die Touristen. Der Museumsdirektor führt uns persönlich zu den Toiletten im Obergeschoss. Aufgeschreckt durch die Gespräche der beiden einzigen Besucher, deren Stimmen durch die menschenleeren Flure des Schlosses hallen, begrüßt er uns freudestrahlend. Die Ausstellungen sind allerdings konzeptionell nicht mehr so ganz auf der Höhe der Zeit. Aber auch das hat seinen verstaubten Charme.

Unseren Rundgang beenden wir schnell. Das bleibt auch der Autorität des Museumsführers nicht verborgen. Er stellt uns gezielt eine museumspädagogische Kontrollfrage zur Ausstellung. Und natürlich fallen wir durch. Die gestiftete Kamerasammlung des Museums stammt aus Hamelner Privatbesitz. Das hatten wir in unserer Nachlässigkeit übersehen. Damit wir diese wichtige Information auch nie wieder vergessen, spielt er für uns auf einem Polyphon (Lochplattenspieler) die Rattenfängermelodie. Als wir dann entlassen werden und von der barocken Schlossterrasse in die offene Landschaft blicken, wirkt die grüne Ebene fast schon toskanisch. Die niederländische Cafébetreiberin ist also doch noch in ihrem italienischen Traum angekommen.

Unsere Balken und Steine finden wir schließlich in einem Labyrinth in Reinstedt; zwischen Kinderplanschbecken, Hausrotschwanzkolonie und Windfege. Der Wächter des Schatzes, ein leidenschaftlicher Baustoffsammler. Alles Materialien von denen er sich ungern trennt. Es könnte ja irgendwann und irgendwo noch ein neues Bauprojekt auftauchen. Mit dieser Erwartung lebt er seit Jahren. Jetzt reift langsam die Erkenntnis, sich von einigen Dingen zu verabschieden. Der Ebay Account ist bereits freigeschaltet. Es schmerzt ihn dann doch sehr, die originalen DDR Hochlochziegel und alten Fichtenbalken auf unserem Anhänger zu sehen. Eigentlich wollte er noch eine Garage bauen. Für Autos oder neue Baustoffe? Das Rätsel bleibt ungelöst.

Wir bekommen eine Führung durch die Schatzkammer. In seinen Häuser und Scheunen geht es auf wackeligen Leitern steil hinauf und tief hinunter vorbei an historischen Werkzeugen, Antiquitäten und landwirtschaftlichen Geräten. Für jeden dieser abenteuerlichen Wege wurden wir über die konkrete Unfallgefahr sorgfältig aufgeklärt. Schließlich erreichen wir die Windfege, eine altertümliche, hölzerne Maschine, die über Rotation und einen Luftstrom die Spreu vom Getreide trennt.

Auf der Rückfahrt in der nachmittäglichen Erschöpfung zeigt der Routenplaner endlich ein Café in der Nähe. Mitten im Neubaugebiet. Ich bin wie immer skeptisch. Wieder einer dieser Dialoge: Wollen wir? Sitzen wir dann mit wildfremden Leuten auf der Terrasse? Bei bitterem Filterkaffee und pappiger Tiefkühltorte in der Hollywoodschaukel? Vor dem Bungalow mit Kreidetafel am Vorgarten wird aus meiner Skepsis Misstrauen. Na los, wenn wir schon mal da sind. Nach kurzem Widerstand folge ich auf dem Betonplattenweg am Haus vorbei nach hinten in den Garten. Meine Laune verbessert sich. Ich bin für einen kurzen Moment sogar euphorisch. Der Garten ist ein kleiner Park mit kreativen Sitzinseln, fantasievollen Holzkonstruktionen, Obstbäumen und bunt blühenden Hochbeeten. Der Kaffee kommt aus der Profimaschine, die Quark Johannisbeertorte ist selbstgemacht und der flauschige Rasen lädt zum Barfußlaufen ein. Wir sind im Café Küchenhof Seeland angekommen.

Sitzplatzreservierung wird uns für die nächsten Besuche dringend empfohlen. Man sah mir wohl die Begeisterung an. Die Gäste kommen aus allen Richtungen. Schnell füllt ein bunt gemischtes Publikum internationaler Touristen und einheimischer Tortenliebhaber den Garten. Die Atmosphäre erinnert an Schweden. Ein grüner Kaffeegarten mit Wahnsinnskuchen mitten in einem Neubaugebiet in Sachsen-Anhalt. Und doch war die Landfrauentorte damals im Sommer 2019 in Dannenberg besser. Nicht wahnsinnig wie diese sondern eher überirdisch. Sensorische Explosionen werden zu Erinnerungs(torten)stücken.

Dann bringen wir den Anhänger zurück. Die Vermietung liegt nicht weit entfernt vom Felsenkeller Suderode. Die anstrengende Logistik unserer Sanierung verbindet sich mit dem Angenehmen . Das historische Restaurant von 1875 mit großem Biergarten unter alten Bäumen gilt als Geheimtipp für regionale Küche. Eine gute Transportroute.

Schlossbahnhof Ballenstedt

Filmmuseum Ballenstedt

Alarm im Kasperletheater – Trickfilm – DEFA

@kuechenhof_seeland

Restaurant Felsenkeller